Rahmen
Diese Briefe sind bereits als »UD« gekennzeichnet und damit vom Verschwinden bedroht. Die Chiffre »UD«, also unikales Dokument, hat im Regelfall die Konsequenz, dass die betroffenen Akten zur besonders sicheren Verwahrung so gelagert werden, dass ein Zugriff nicht mehr möglich ist. Zur Frage der Verfügbarkeit kommen auch noch die technisch-praktischen Umstände der Konservierung: wegen der schwierigen finanziellen Situation der Ukraine kann derzeit nicht davon ausgegangen werden, dass diese Akten bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur aufbewahrt werden können. Ihr biologische Verfall ist damit nur eine Frage der Zeit. Dies betrifft diese Briefe in besonderem Ausmaße, da all die Hilferufe auf jedem verfügbaren Fetzen Papier verfasst wurden.
Diese Briefe, von der rumänischen Gendarmerie abgefangen, sind meist Appelle an Verwandte und Bekannte in denen um Geld gebeten wird. Sie zeichnen damit ein - in Härte und Glaubwürdigkeit nicht zu überbietendes - Bild der Situation in Transnistrien.
Transnistrien, in Westeuropa fast ausschließlich Spezialisten bekannt, ist die Region zwischen Dnister, Bug und dem Schwarzen Meer, die im August 1941 von Hitler an seinen verbündeten Militärdiktator Antonescu als Kriegsbeute abgetreten wurde. Der Name Transnistriens wurde danach vor allem für die jüdische Bevölkerung Rumäniens, Bessarabiens und der Nordbukowina zum Inbegriff des Schreckens schlechthin: Deportationen, Pogrome, Massenexekutionen, Tod durch Misshandlung, Hunger, Kälte oder Thyphusepedemien in Ghettos und Vernichtungslagern. Allein Namen wie Bogdanovka, Achmetschetka, Domanevka oder Pechora können heute fast von niemandem als Konzentrationslager bestimmt werden, im Gegensatz zu Auschwitz, Mauthausen, Treblinka oder Lublin, die als Topos der Shoah gelten.
In den drei Jahren bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Sommer 1944 starben hier zwischen 145.000 und 410.000 Menschen - die Zahlen differieren, weil nur schwer bestimmbar ist, wie viele Personen bereits 1940/41 vom sowjetischen NKVD deportiert worden waren, wie viele beim Vormarsch der 11. deutschen sowie der 3. und 4. rumänischen Armee getötet wurden, wie viele bei den Massakern in der Bukowina und Bessarabien starben und wie viele die von SD, SS und rumänischen Gendarmen begleiteten Todesmärsche nicht überlebten. Neben diesem institutionellen Terror kam es auch zu Übergriffen durch die deutsch-, ukrainisch- und rumänischsprachige Zivilbevölkerung.
488 Seiten unvorstellbares menschliches Leid.
Die Verfasser wendeten sich verzweifelt an Verwandte („Liebe Geschwister“ Akt II, Konv. 59), Freunde („Lieber Titus“ Akt II, Konv. 93) und schließlich auch Bekannte („Sehr geehrter Herr Oberlehrer“ Akt I, Konv. 36), die in ihren Heimatgemeinden verblieben waren und versuchten Hilfe zu erhalten - erfolglos, weil die Gendarmerie des Eisenbahnpostens Czernowitz´ die Briefe zurückhielt. „Lieber Papa! Ich habe Dir schon mehrere Male [sic] geschrieben und wundert es mich, das [sic] wir kein Lebenszeichen von Dir haben. Wir versuchen auf alle mögliche Weise Dir Briefe zukommen zu lassen und geringste Hilfe zu erlangen“ (Akt I, Konv. 25). Die Verzweiflung und Not spiegelt sich aber nicht nur auf der Text-Ebene wieder, sondern zeigt sich auch an den verwendeten Materialien. Grundsätzlich wurde alles Verfügbare verwendet: normales Papier, Karton, Plakate, Fahrplänen bis hin zu Einkaufs- und Anwesenheitslisten der Lager selbst.
Die Briefe zeichnen persönliche Bilder der Lebensbedingungen, sie verdeutlichen aber auch die Repressionen beispielsweise an den genannten Preisen: so kostete in Transnistrien 1942 eine Briefmarke 5 Lei, ein Laib Brot 500 Lei und das Freikaufen eines Menschen 250.000 Lei - im restlichen Rumänien lag der Brotpreis bei 8 Lei (vgl. V. Axenciuc: Istoric Monetar, 2005).
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